Kärnten Blog

Stegreif

Veröffentlicht am 15. August 2008 von

Neben der Kommandobrücke des Raumschiff Enterprise ist sie die beliebteste Brücke im Universum: Die Mittelbrücke im Klagenfurter Strandbad. Anatomie eines Laufsteges der Eitelkeiten, auf dem der Flirtfaktor ebenso hoch ist wie der Sonnenschutzfaktor.

„Scheinen“ ist kein Ausdruck für das, was die Sonne gerade tut: Sie sticht, bohrt, lodert und schleudert im Dauerfeuer ihre unbarmherzigen Strahlen auf die Erdoberfläche. Wer jetzt noch nicht flach liegt, der wünscht sich eine Ohnmacht herbei. Kein Wetter für Mimosen und Schattenparker.

Die Sonne klebt auf einem makellosen Technicolor-Himmel, auch der See hält sich brav an die Katalog-Farben. Haubentaucher tauchen nach Haubentaucher-Art. Hier sind alle cool, Herrschaftsseiten! Studentinnen, die aussehen wie aus der Vogue gekletzelt, Burschen mit Skorpion-Tattoos, die sich um aufgeplusterte Trizepse schlängeln. Ein Handy düdelt. Es wird offenbar um eine Positionierung gebeten. „Mittelbruckn“, bellt der Angerufene ins Telefon. Mittelbruckn – what else?
„Mittelbrücke ist Pflicht“, sagt Günther, der gemeinsam mit Marketing-Profi Christian vorn am Brückenkopf wohnt. Gut: „wohnen“ ist vielleicht ein zu starkes Verb für das, was die beiden hier tun. Aber seien wir ehrlich: Oft sind sie schon hier anzutreffen, die beiden jungen Männer, die ungschauter der Modestrecke eines auflagenstarken Magazins entsprungen sein könnten. Während seiner Schulzeit lag er, Günther, ja noch auf der KAC-Brücke. Doch ab einem bestimmten Alter, sagt er, fühlte er sich „reif für die Mittelbrücke“.

Geröstet wird hier im Namen der Ästhetik, schließlich soll die Haut spätestens bei der „Fête blanche“ einen auffälligen Kontrast zum blütenweißen Sakko abgeben. „Die Mittelbrücke ist der Laufsteg von Klagenfurt“, sagt Christian. Hier kann man endlich ernten, was während der dunklen Wintermonate im muffigen Fitness-Center gesät wurde. Der Catwalk für Nachwuchs-Narzisse aller Couleurs, die hier ihre exhibitionistische Ader aufpolieren, abseits lärmender Kinder und schreiender Eltern.

Und was ist mit, äh – Schwimmen? Eine nicht repräsentative Umfrage ergibt: Ja, gebadet wird hier durchaus – wenn auch nur, um dem drohenden Hitzekollaps vorzubeugen. Die paar verkohlten Synapsen durch beständige Sonneneinstrahlung steckt man locker weg, notfalls mit ein, zwei Bier.

Ein paar Schritte weiter – vorbei an öligen Leibern, die sich unter den Blicken der Vorbeigehenden aalen – ist der Stammplatz einer Studenten-Clique, die nicht auf den harten Holzbrettern lagert, sondern sich auf gestreiften Sonnenliegen räkelt. Hardcore-Mittelbrückler, die „jeden Tag“ herpilgern.
So wie Sulaiman, der in Graz Nanotechnologie studiert. Flirten? Fehlanzeige. „Wir sind alle vergeben! Hier wird gechillt und relaxt.“ Ach so, war ja nur eine Frage. Schräg dahinter: Gregor, der nicht nur an seiner Diplomarbeit über die Wiener Börse herumschraubt, sondern auch an seiner Karriere als Musiker.

Gerade erholt er sich von seiner Europatournee, sagt er. Echt? Allerdings! „Guadalajara“ heißt die Band, und „die werden auf Ö3 gespielt“, sagt seine Nachbarin, die mit einem Krimi, dick wie ein Ziegel, die Langeweile verscheucht. Ein Medizinstudent erzählt währenddessen von seinem Sonnenbrand nach 9 Stunden des ununterbrochenen Sonnenbades. Jucheissa, bei diesen Perspektiven braucht man sich ja um die medizinische Zukunft des Landes nicht zu sorgen!

Dritte Stiege rechts: Christian aus St. Veit sitzt unter einem uralten Schirm, auf dem wie zur Bestätigung „Asbach Uralt“ draufsteht. Ein sichtbares Zeichen für Authentizität und Aufrichtigkeit. Dabei ist Christian mit dem wehenden Blondhaar selbst gar nicht uralt, maximal mittelalterlich. „Best Ager“, sagt man auf Neudeutsch. Und das ist hier sein Stammplatz seit über dreißig Jahren, „weil der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Am liebsten hätt‘ ich auch noch jedes Mal denselben Parkplatz“. Um halb neun sind ist er oft schon da, gemeinsam mit seiner Clique, und dann wird erst einmal ordentlich gefrühstückt. Und wenn einer – nehmen wir mal das Worst-Case-Szenario an – auf seinem Stammplatz das Handtuch ausbreitet, bevor er landet? Jetzt muss Christian überlegen, setzt dann aber dann doch ein freundliches Lächeln auf: „Na dann bi i… fast beleidigt!“

Der „Asbach-Uralt“-Schirm bläht sich sanft in der Sommerbrise, und dahinter glitzert der Pyramidenkogel, als wär‘ er mit Swaroski-Steinen besetzt. Ein Panorama zum Niederknien, wenn nicht schon alle liegen würden.

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